Projekt “Lernen vor Ort”: Auftakt in der Villa Leon mit Gesine Schwan

Gesine Schwan

Gesine Schwan...

Um 19 Uhr ist der große Saal der Villa Leon vollbesetzt als die Schauspieler Andrea Erl vom benachbarten Kindertheater “Mummpitz” sowie Martin Zels und Christof Lappler von der “Pfütze” mit der szenischen Moderation lautstark den Programmbeginn markieren – Als eine Art auflockernder Gegenpunkt zum folgenden Grundsatzvortrag der geladenen Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, die ihre Ausführungen nach einer musikalischen Einlage der in Stahlhelm und Wollmütze aufgetretenen Combo dann auch lachend mit den Worten “Da kann ich nicht mithalten” einleitete.

Gesine Schwans Rede befasste sich mit dem Gerechtigkeitsbegriff als leitendem Prinzip des menschlichen Zusammenlebens und der daraus resultierenden Bedeutung gerechter Bildungschancen für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Auch anfängliche Schwierigkeiten mit ihrer zerbrochenen Lesebrille  konnten Schwan nicht dabei behindern genau herauszuarbeiten, wer in ihren Augen in Wirklichkeit kurzsichtig ist: Nämlich alljene die mit der einseitigen Ausrichtung auf kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Nutzen und geldwerten Vorteil die ganzheitliche Förderung der Menschen durch Bildung an Schulen und Universitäten gefährden. Als Beispiel nannte Schwan den stiefmütterlichen Umgang mit vermeintlichen “Orchideenfächer”: Noch vor 25 Jahren seien die Islamwissenschaft ein solches Orchideenfach gewesen, heute dagegen sind Experten gefragt wie nie. “Wir wissen heute nicht, was wir in Zukunft wissen müssen.”,  so Prof. Schwan, die Kandidatin der SPD für das Amt des Bundespräsidenten war.

...und Ulrich Maly bei der Auftaktveranstaltung zu "Lernen vor Ort".

...und OB Maly bei der Auftaktveranstaltung zu Lernen vor Ort.

Sie wünsche sich vielmehr ein stimmiges, gut verzahntes System, das allen Bevölkerungsgruppen und -altersschichten  einen lebenslangen  Lernprozess ermöglicht. Deutschland könne es sich nicht leisten, jährlich 80 000 Jugendliche mit allen ihren Talenten und Fähigkeiten abzuschreiben, nur weil diese im zu früh und hart selektierenden dreigliedrigen Schulsystem nicht im Stande sind einen Schulabschluss zu erreichen. Die derzeitige Zahl der Hochschulabsolventen reicht in den Augen von Prof. Schwan nicht aus um das zu kompensieren: “Eine Elite von etwa zehn Prozent bringt die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nicht voran.”

Den ganzheitlichen Ansatz, die stimmigeren Ãœbergänge zwischen den einzelnen Bildungsstationen im Leben eines jeden, hob dann auch Oberbürgermeister Dr. Maly als zentrales Anliegen hervor, der nach dem Grundsatzvortrag für die konkreten Erläuterungen zum, Bundesprojekt “Lernen vor Ort” zuständig war, das zunächst auf drei Jahre angelegt ist.

Man werde bewusst keine weitere Schwemme von Modellprojekten fördern, vielmehr solle ein städtischer Bildungsbericht zukünftig ein verlässliches und kontinuierlich wiederholbares “Monitoring” ermöglichen, damit man genau wisse wo man in der Entwicklung der kommunalen Bildungslandschaft stehe. Andernfalls, so OB Dr. Maly, bestehe wie bisher die Gefahr, dass Erfolge “nur gefühlt” seien.

Den von ihm gewählten Begriff des “Bildungsmanagements” kann man sprachlich in gewisser Distanz zu Gesine Schwans Wortwahl sehen, die den Themenkomplex Bildung bewusst keinem kommerziellen Duktus unterwerfen wollte. Schon besser müssen ihr OB Dr. Malys Ausführungen gefallen haben, dass mit den insgesamt rund 1,5 Millionen Euro, die aus der 2009 gestarteten Bundesinitiative nach Nürnberg fließen werden, auch ein niedrigschwelliges Bildungsberatungssystem etabliert werden soll. Bei Kindern mit Migrationshintergrund werde man verstärkt den Kontakt zum Elternhaus suchen, verspricht der Oberbürgermeister.

Der Nürnberger Bildungsrat und die Bildungskonferenz sollen für eine verbesserte Abstimmung sorgen um das Ziel des Projekts zu erreichen, dass da lautet, mit Blick auf die im Monitoring gewonnenen Erkenntnisse aus den individuellen Lebensläufen die Weichen so zu stellen, dass allen Menschen in Nürnberg ein umfassendes Bildungsangebot zugänglich gemacht wird.

Für die Fotos bedanken wir uns herzlich bei Ernst Jocher.

Martin Zels und Christof Lappler vom Kindertheater Pfütze

Martin Zels und Christof Lappler vom Kindertheater Pfütze.

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